„Ohne einen stabilen Schwerpunkt wirst du zusammenbrechen. Selbst die ausgeklügeltsten Techniken und geschicktesten Bewegungen sind ohne einen stabilen Schwerpunkt nutzlos.“1
Kenwa Mabuni
Seichusen
Ziel ist Stabilität und dadurch Kontrolle in jeder Bewegung, die vollführt wird. Das Prinzip, welches zu dieser Stabilität führt, nennt sich Seichusen 正中線. Die Kanji stehen dabei für:
- 正: Korrekt
- 中: Mitte / Innen
- 線: Linie
Es handelt sich dabei um eine gedachte, vertikale Gerade, welche vom Boden, über den Körpermittelpunkt (Hara 腹) zum Scheitel führt. «Chu 中» steht dabei nicht nur für die physische Mitte, sondern auch für «innen» und inkludiert somit auch die psychische Ebene.2
Hara
Das Hara wird als die «vitale Mitte des Körpers und Zentrum der Schwerkraft»3 beschrieben. Es ist im Körperinnern, ca. hinter dem Bauchnabel zu verorten (Magengegend im Unterleib/unteren Tanden). Nach meiner Auffassung ist Hara eine noch konkrete Beschreibung des physischen Chu, der Mitte, im Prinzip des Seichusen. Das Hara ist der Ausgangspunkt von Haltung, Spannung/Entspannung und Atmung.4

Seichusen und Hara in den Kata
In Bezug auf die Ausführung der Techniken im Karate wird angestrebt, dass diese effektiv sind, die Stabilität nicht verloren geht und Körper und Geist bei der Ausführung vereint sind. Um diese Ziele zu erreichen, müssen wir uns dem Seichusen und dem Hara bewusst sein.
Mit den Kata trainieren wir nicht nur verschiedene Angriffstechniken, Verteidigungstechniken und Stellungen, sondern auch Atmung, Stellungswechsel und Richtungsänderungen (Embusen). Stellungswechsel sind oft selbst Teil des effektiven Angriffs oder der Verteidigung. Als Beispiel können zwei der fünf Abwehrprinzipien im Shito-Ryu, «Ten-i» (ausweichen) und «Kusshin» (Absenken des Körpers zur Verteidigung und Aufrichten zum Angriff) genannt werden.
Damit in diesen Bewegungen die Stabilität nicht verloren geht, müssen diese aus dem Hara heraus erfolgen. Dieses Zentrum der Schwerkraft verschiebt sich, die Glieder folgen ihm. Für die Effektivität der Techniken wird die Hüfte, welche um das Hara rotiert, eingesetzt. Der Oberkörper bleibt aufgerichtet (Seichusen). Die (Ein-)Atmung, gut sichtbar bei Naha-Te Kata, die diese üben (Sanchin, Tensho), erfolgt nicht in die Brust, sondern in den Bereich des Hara.
In einigen Pinan Kata werden aus meiner Sicht diese Abläufe implizit trainiert, für mich besonders gut sichtbar in der Pinan Godan; Im mittleren Teil der Kata, Ausgangsstellung Zenkutsu-Dachi mit Oi-Zuki, erfolgt eine 180°-Drehung um die eigene Achse zu Shiko-Dachi mit Gedan-Barai um gleich daraus Kusshin zu nutzen und im Moto-Dachi mit einem Tetsui anzugreifen.
Während diesen Bewegungen ist der Oberkörper stets in derselben aufrechten Position zu halten (Seichusen). Die 180° Drehung erfolgt ganz nah am Hara über die eigene Achse. In meinem Veständnis ist «Drehung» eigentlich das falsche Wort oder könnte zumindest missverstanden werden. Es handelt sich vielmehr um einen Richtungswechsel, das dass eigene Hara immer im Zentrum der Bewegung hält.
Selbstreflexion
Feedbacks aus meinen vergangenen Kyu-Prüfungen waren stets ähnlich: Verkrampft (insbesondere im Schulterbereich), Kraft statt «Energie» («Snapping»), Bewegungen mit vorgebeugtem Oberkörper usw.
Es sind Angewohnheiten und Bewegungsmuster, die sich über die Jahre ohne Kampfsport, dafür mit viel Büroarbeit, eingeschlichen haben.
Seichusen und das Hara sind für mich die Lösung, um meinen Körper und meine Haltung im Karate, in der Ausführung der Techniken, umzupolen. Dafür habe ich mir für die Anwendung bzw. das Training dieser Prinzipien Bilder geschaffen:
Seichusen: «Sternum zum Stern»5, also das Brustbein zu den Sternen drücken. Dies hat zur Wirkung, dass die Schultern in eine natürliche Position gelangen und der Oberkörper sich in einer stets aufrechten Position befindet. Aber nicht nur bei den Stellungen, sondern auch bei den Beintechniken wie Yoko-Geri oder Mawashi-Geri kommt dies zur Anwendung. Durch die Streckung bleibt die Hüfte (Hara) im Schwerpunkt.
Hara: Ich stelle mir mein Körperzentrum wie bei einem Stehaufmännchen vor. Eine Bleikugel sitzt in meinem Zentrum. Diese muss ich verschieben (Bewegung aus dem Zentrum, nicht aus den Gliedern), ich bewege / rotiere um diese Kugel, blase sie beim Einatmen auf und ich nutze die (fiktive) Fliehkraft der Kugel, um daraus die Energien für die Techniken zu nehmen. Um die Kugel bremsen zu können, brauche ich für den richtigen Moment der Technik meine gesamte Konzentration (Geist) und Anspannung (Körper), ich muss meine Energie fokussieren (Kime).
Abschluss
«Karate transformiert den Körper und das Bewusstsein, das braucht Zeit. Es ist schön und gut, wenn wir uns an kurzfristigen Erfolgen erfreuen können – und das sollten wir auch. Dabei verlieren wir aber nie das grosse Ganze aus den Augen: Lebenslang jeden Tag für uns selbst ein bisschen besser zu werden»6
Von der Theorie in die Praxis: Nicht immer funktioniert die Umsetzung des oben beschriebenen so gut, wie ich es mir vorstelle. Aber wenn es funktioniert, dann – es ist schwierig mit Worten zu beschreiben – spüre ich, dass die Bewegung richtig war. Nicht auf einer esoterischen und spirituellen Ebene, sondern ganz einfach «physisch». Dieses Gefühl versuche ich zu multiplizieren (Drill), bis es für meinen Körper und Geist zur Selbstverständlichkeit wird.
Ich danke Ikigaido Karate, Stephan und Rebecca, dass ich sie auf dem Weg der leeren Hand begleiten darf, für den undogmatischen Unterricht, die Geduld und für die gemeinsamen grossen Freuden und kleinen Ärgernissen.
Michael «Mike» Wyss, Juni 2025
Video zum Thema Seichusen
Referenzen
- «An Introduction to Karate-Do: The Unarmed Martial Art of Offence & Defence» von Mabuni Kenwa und Nakasone Genwa (Amazon Affiliate Link) ↩︎
- Stephan Rickauer, Ikigaido Karate: https://www.youtube.com/watch?v=VjzsCnBAjQQ ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Hara_(tanden) ↩︎
- http://www.budopedia.de/wiki/Hara ↩︎
- Zitat Oliver Barth Personal Training & Nutrition, anlässlich einer Privatlektion ↩︎
- Stephan Rickauer, Ikigaido Karate: https://www.ikigaido.ch/blog/gurt-pruefungen-im-kampfsport-fluch und-segen-zugleich/ ↩︎


